"Keine Fußnote! Menschenrechte gehören in die Drogenpolitik - wir müssen endlich auf den grünen Zweig!"
Rede auf der HANFPARADE in Berlin am 11. August 2012Michael Kleim, Theologe und Bürgerrechtler, Mitglied im Schildower Kreis
Die Rede gibt es auch als Video auf Youtube.
Immer wieder werde ich gefragt, weshalb ich mich ausgerechnet in der Drogenpolitik engagiere. Drogenpolitik betreffe ja doch nur eine Minderheit, sei bloß eine Fußnote, ein Nebensatz in der großen Politik und Wahlen könne man mit diesem Thema auch nicht gewinnen.Für mich jedoch bewegt sich Drogenpolitik im Kern unseres demokratischen Selbstverständnisses. Es geht um Grundfragen und um Grundwerte. Es geht darum, in welcher Weise wir mit einem gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Konfliktbereich umgehen.
Mit einer Drogenpolitik, die auf ideologischen Vorurteilen, auf Repression und Strafverfolgung beruht, mit solch einer Politik sägen wir am demokratischen Ast, auf dem wir sitzen. Global dient der Drogenkrieg dazu, systematisch Menschenrechtsverletzungen zu legitimieren.
Durch die repressive Drogenpolitik werden Menschenwürde und Menschenrechte im großen Stil bedroht. Somit kann es sich hierbei nicht um eine Fußnote oder Randnotiz handeln. Es geht um grundlegende Entscheidungen und Weichenstellungen, die letztlich alle betreffen.
Keine Fußnote! Kein Nebensatz! Menschenrechte gehören in die Drogenpolitik. Wir müssen endlich auf den grünen Zweig kommen.
Um überhaupt auf die Basis einer an Demokratie und Menschenrechten orientierten Drogenpolitik zu kommen, sehe ich fünf grundlegende Schritte:
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1. Der Besitz jeder Art von Drogen zum Eigengebrauch darf nicht länger strafrechtlich verfolgt werden. Die Kriminalisierung der Gebraucher war politisch, juristisch und menschlich ein grundlegend falscher Schritt.
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2. Angebote zur Drogenhilfe brauchen Rechtssicherheit. Auch hier ist jede Kriminalisierung umgehend zu beenden. Dazu gehört unter anderem die Möglichkeit, geschützte Drogengebrauchsräume mit geschultem Personal einzurichten, Drugchecking – also eine Qualitätsuntersuchung bei illegalisierten Drogen durchzuführen und im Sinne von Safe Use sachlich über psychoaktive Substanzen aufzuklären.
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3. Die Medizinische Nutzung von Drogen darf nicht länger durch das Strafrecht behindert werden. Allein der behandelnde Arzt im Einvernehmen mit den Patienten sollte über passende Therapien entscheiden. Dies gilt nicht nur für die Suchttherapie oder den Einsatz von Hanf als Heilmittel, sondern auch in der schmerz- und psychotherapeutischen Arbeit.
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4. Hanf und das Kokablatt müssen ganz aus dem Strafgesetz herausgenommen werden und deren Anbau und Verteilung auf legale Regulierungsmöglichkeiten mit Qualitätskontrolle und Jugendschutz gestellt werden.
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5. Die Bundesrepublik muss jegliche polizeiliche Zusammenarbeit mit und kriminalistische Unterstützung von Staaten, die bei der Drogenbekämpfung eklatant gegen Menschenrechte verstoßen, umgehend abbrechen.
Diese fünf Schritte sehe ich – wie gesagt - als Grundlage, als minimale Voraussetzung dafür, Menschenrechte und Drogenpolitik zusammen zubringen. Es sind politische Entscheidungen, die zeitnah ohne Risiko umgesetzt werden können. Perspektivisch werden weitere Schritte folgen müssen. So könnten wir tatsächlich auf einen grünen Zweig kommen.
Wir stehen hier hinter dem Brandenburger Tor. In zwei Tagen erinnern wir an ein Datum, das für staatliche Willkür steht. Ein architektonisches Ungetüm – die Berliner Mauer – setzte den Bürgern eine Grenze, mit allen tödlichen Konsequenzen. In der DDR haben wir trotz scheinbarer Aussichtslosigkeit für Demokratie und Menschenrechte gekämpft. Und dieses Betonungetüm brach nahezu über Nacht in sich zusammen.
Auch mit der Prohibition setzt der Staat willkürlich eine Grenze, mit allen tödlichen Konsequenzen. Doch ich bin mir sicher, dass auch die Mauer der Prohibition einstürzen wird. Nicht von allein, wir haben da noch Viel zu tun. Aber es ist möglich.
Die Hanfparade ist eine Menschenrechtsbewegung. Mit diesen Anspruch und Selbstbewusstsein sollten wir auch auftreten.
Danke, dass Ihr alle heute da sein.